Endlich Ferien. Koffer packen und los. Waren das noch Zeiten, als wir sorglos und wild im «grossen Kanton» herumreisen konnten: Konstanz, Braunschweig, Weimar, Bad Bertrich (klingelt was?). Wieder daheim, tauschte man sich mit Anderen über die Reiseerlebnisse aus. Und stellte erstaunt fest, dass man ja in Berlin dieselbe Ausstellung besucht und in Hamburg am Elbstrand im selben Strandkorb gesessen hatte. Die Welt ist eben klein.
Aber jetzt? Man ist zuhause, und es bleibt bloss, notgedrungen und vielleicht erstmals, die eigene nähere Umgebung zu entdecken – also nicht bloss die Sportanlage oder das Witiker Zentrum anzusteuern. Aber wohin des Weges?
Deshalb hier ein paar «deutschlandreiseähnliche» Ausflugtipps in Gehdistanz.
Ausflug 1: anstatt hinüber zu den Architekturperlen in Weil am Rhein
Die Kirche Maria Krönung liegt mitten in einem Witiker Quartier der 1940er bis 1960er Jahre, an der Carl-Spittelerstr. 44. Ihr jüngst verstorbener Erbauer, der Architekt Justus Dahinden, beschrieb das Äussere seiner Kirche als ein wie ein Gebirge sich über dem Kirchenraum auftürmendes Dach. Begeisterte Architekturkritiker loben das raffinierte Spiel von Symmetrie und Asymmetrie. Die Kirche wirkt wie ein riesiges Zelt – eine Referenz an das israelitische Zeltheiligtum zur Aufbewahrung der Bundeslade (genau, die von Indiana Jones in «Jäger des verlorenen Schatzes»).
Ausflug 2: anstatt hinauf auf den Stuttgarter Fernsehturm
Nach endlosem Hin und Her war es im Sommer 1954 endlich soweit. Der 33,33 Meter hohe Loorenkopf-Turm war endlich gebaut (Google Plus Code 9H9X+WJ Zürich) – ganz aus Holz gezimmert, zuoberst auf der Aussichtsplattform mit Sitzbänken und Panoramatafeln ausgestattet. Damals gab es noch keine Peak-App. Es ist eh’ viel spannender auf die altmodische Art die Bergspitzen zu erraten, ehrlich. Rauf geht es über 152 Stufen… und wenn man es geschafft hat und die Sicht gut ist, blickt man vom Hörnli bis zum Pilatus. Und Südanflüge, fast auf Augenhöhe.
Ausflug 3: anstatt hinein in den Sündenpfuhl St. Pauli
An der ehemaligen Busend-/Buskehrschlaufe, etwa gegenüber Witikonerstr. 351, steht ein kleiner, aber wirklich sehr schöner, zeittypischer Brunnen von 1948/50. Der Stein ist etwas ganz Besonderes. Er stammt aus dem einzigen Marmorvorkommen der Schweiz, aus dem Tessiner Valle Maggia. Die Zürcher Bildhauerin Hildi Hess hatte darauf den Sündenfall von Adam und Eva eingemeisselt. Vandalierende Idioten zerstörten 2006 den Brunnentrog, weshalb heute bloss eine exakte Kopie dasteht. Ein Fake also, auf gut Neudeutsch.
Gute Reise!
Beat Eberschweiler
FCW-Korrespondent
homeoffice, putzmunter