Wir schreiben das Jahr 2047. Mein hochbetagter und sportinvalider Grossvater erzählt von damals. Damals, so um 2020 herum, als die erste coronale Pandemie über Europa fegte. Es war erst der Anfang, aber das wusste zu jener Zeit natürlich noch niemand. Wir haben jetzt viel Zeit miteinander zu plaudern, denn der diesjährige Lockdown dauert nun schon elf Monate.
Die späteren Mutationen von Covid-19 seien immer agressiver geworden, erzählt er. Bei Covid-33 musste erstmals die mexikanisch-kanadische Grenze ein volles Jahr lang geschlossen werden. Covid-38 führte dann zu einer längst überfälligen Umstellung im internationalen Fussball auf grössere Felder (140x285m) mit vier Feldspielern einem Torhüter sowie drei Quarantänezonen.
Und nun also Covid-46. Man lebt schon seit Jahren in isolierten familiären Kleinzellen. Die Arbeit geschieht cybermässig. Witikon hat sich, wie die ganze Welt, völlig verwandelt. Das Zentrum Witikon ist unterdessen von einigen Haushalt-Roboter-Flüchtlingen aus Altstetten besetzt. Das Quartier musste nämlich um etwa 2042 aufgegeben werden. Wölfe und mutierte Hirsche aus den Wäldern vom Üetliberg drangen damals ins Quartier ein, in den Katakomben des Letzigrundes überwintern seither ganze Bärenkolonien. Der Hardturm ist allerdings bärenfrei, kein Wunder, er wurde ja nie gebaut, und teilt sich damit das Schicksal mit Berlin-Brandenburg, der grössten Flughafenplanungsleiche der Menschheitsgeschichte. Heute fliegt eh kaum mehr jemand.
Die Versorgung der Wohneinheiten im Quartier geschieht mittels Drohnen der Firma Xiaoxiao Ghu Ltd. Auf der verkehrsberuhigten Witikonstrasse bewegen sich einzelne gepanzerte Elektromobile von Chang’an mit den erlaubten 7km/h. Martin Grob ist immer noch Präsident des FCW – resp. seine virtuell geschönte 3D-Animation im stilvollen Zhongshan Anzug.
Mein Grossvater behauptet, er habe noch mit dem Original zusammen Fussball gespielt, auf Kleinfeldern, mit Zweikämpfen, Schiedsrichterbeleidigungen, blutenden Knien. Man sei nachher gemeinsam duschen gegangen, habe zusammen um einen Tisch in einem Restoran (was ist das?) gesessen und alkoholische Getränke konsumiert, und dabei noch mehr Fussball geschaut, sich abgeklatscht, ja gar inniglich umarmt wenn ein Tor fiel.
Aber eben, mein Grossvater ist sehr alt, leicht senil und fantasiert gerne. Aber ich habe ihn gerne, den Beat.
Chi Xang Eberschweiler
FCW-Korrespondent in III. Generation
homeoffice, putzmunter