Fussballländerspiel, Deutsche Demokratische Republik gegen Bundesrepublik Deutschland, 22. Juni 1974, 77. Minute, Jürgen Sparwasser.
Der 1:0-Sieg des Aussenseiters war eine sportpolitische Sensation – die Kluft zwischen der kommunistischen, realsozialistischen DDR und der nach westlichem Vorbild funktionierenden BRD war damals nicht nur im Fussball riesig. Die Abgrenzung fand auf allen Ebenen statt, nicht zuletzt auch in der Sprache. «West-Begriffe» waren drüben verpönt, und wurden durch DDR-Konstrukte ersetzt. Die in Kurzgeschichte Nr. 8 erwähnte Sättigungsbeilage ist so ein Wort, aus dem ständigen Problem der Bedarfsunterdeckung entstanden. Sättigungsbeilage steht eigentlich für Kartoffeln, Reis oder Nudeln. Weil aber bei Druck der Speisekarte nie klar war, was gerade verfügbar war – eben, diese blöde Unterdeckung – entstand der ergebnisoffene Sammelbegriff.
Sparwasser flüchtete 1988 in den Westen, O-Ton DDR «weil sportfeindliche Kräfte die Situation nutzten und er sein Land verriet». So verständlich sein Entscheid gewesen sein mochte, er verliess damit eine Welt voll mit kreativen, wundervollen Wortschöpfungen. Beispiele gefällig?
Tal der Ahnungslosen. Der Talkessel rund um Dresden, wo kein «Westfernsehen» empfangen werden konnte.
Bückware. Begehrte Verkaufsartikel, die etwas versteckt unter dem Ladentisch lagerten, und zu denen sich der Verkäufer bücken musste.
Stoffidas. Sportschuhe aus Stoff mit Gummisohle, zum Preiswert der wöchentlichen Essensgutscheine (2,75 DDR-Mark), ganz offensichtlich von adidas abgeleitet.
abkindern. Mit der Heirat gab es einen Ehekredit vom Staat. Mit der Geburt des dritten Kindes galt der Kredit als getilgt, die Eltern hatten ihn fleissig «abgekindert».
rübermachen. In die Bundesrepublik abhauen.
Geflügelte Jahresendfigur. Weihnachtsengel, ein etwas verkrampfter Versuch, das religiöse Element zu umgehen.
Heimbombe. Bezeichnung für russische Fernsehgeräte, die etwas zur Selbstentzündung neigten.
Beat Eberschweiler
FCW-Korrespondent
homeoffice, putzmunter