In Spaniens Primera und Segunda División ist aktuell ein halbes Dutzend Teams aus Madrid mit dabei. Bei meinem letzten Besuch sah ich live den verrückten El Cholo, Diego Simeone, als er bei Atleticó einmal mehr die Seitenlinie malträtierte. Und ich besuchte das Bernabéu, bestaunte den Rasen, die riesige Trophäensammlung und den exquisiten Wellness-Bereich der Mannschaften. Zugegeben, ich war kurz versucht, in der vierstöckigen (!) Shopping Mall, dem «Fan-Shop» von Real, ein kleines Vermögen liegen zu lassen…
Aber es gibt in Madrid bloss einen Club, der meine vorbehaltlose Bewunderung in dieser tollen Stadt mit ihren vielen völlig unterschiedlichen, einmaligen Quartieren verdient: Rayo Vallecano, aktuell mal wieder in der Segunda, und dort im Mittelfeld, noch hinter AD Alcorcón, das wie Getafe C.F. und CD Leganés im Südwesten der Stadt liegt.
Rayo bedeutet Blitz, das Logo des Vereins sieht aus wie die missglückte Hausarbeit eines Primarschülers. Nirgendwo sonst in Madrid ist die Dichte von Che Guevara-Plakaten so hoch wie im Quartier Vallecas. Protestiert wird bei Rayo so ziemlich gegen alles: gegen die Regierung, gegen die Konsumgesellschaft, gegen die Anstosszeiten, gegen Faschismus, gegen Sexismus, gegen Homophobie – deshalb hat das Auswärtsleibchen konsequenterweise einen gut sichtbaren Regenbogenstreifen. Rayo ist also politisch eher etwas links. Rayo ist wie St. Pauli, bloss viel archaischer, und sehr, sehr, sehr viel ärmer.
Aussen am maroden Stadion, wo der Beton genauso leise vor sich hinbröckelt wie die Geländer wegrosten, ist eine grosse Wandmalerei mit dem Portrait von Wilfried Agbonavbare zu finden, einem nigerianischen Torhüter, der ein Jahrzehnt lang bei Rayo spielte. Er starb kurz nach Karriereende an Krebs und wird immer noch in Ehren gehalten. Es wurde sogar eines der Stadion-Gates nach ihm umbenannt. Auch das ist Rayo.
Der Fanshop ist so gross wie ein Zimmer. Er ist meistens geschlossen, es hat aber eine Klingel, und wenn man Glück hat, ist sogar jemand da und öffnet. Es hängen ein paar Leibchen an Drahtbügeln, es liegen ein paar verstaubte Käppli und vergilbte Wimpel unter den beiden flackernden Neonröhren.
Das einzige, was ich mir in Spaniens königlicher Hauptstadt in jener Fussballwoche kaufte: eine schwarze Wollkappe mit Vallecas-Blitz.
Beat Eberschweiler
FCW-Korrespondent
homeoffice, putzmunter