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«Im Amateurfussball muss der Trainer mehr motivieren»

Axel Thoma war Profifussballer in Stuttgart, Schaffhausen und Winterthur, später Manager und Nachwuchschef beim FCZ. Heute trainiert der Deutsche den Zweitligisten FC Witikon. Ein Interview von Robert Wildi mit Axel Thoma. Herr Thoma, nach vielen Jahren im Profifussball haben Sie beim Zürcher Quartierklub Witikon vor einem Jahr das Neuland Regionalfussball betreten. War das ein Kulturschock für Sie?

Es gibt schon gravierende Unterschiede. Ich habe festgestellt, dass man als Trainer ganz andere Werkzeuge einsetzen muss, um Amateurfussballer zu motivieren und sie zu bewegen. Profis haben einen Arbeitsvertrag und stehen in der Pflicht, sich in jedem Training und Spiel zu behaupten. Ansonsten verlieren sie Job und Lebensgrundlage. Beim FC Witikon gehen die Spieler ihrem Hobby nach, wollen zwar auch Erfolg, suchen aber in erster Linie einen Ausgleich zum Berufsalltag. Das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Spieler und Trainer ist deshalb ganz anders als in einem Profiteam.

Ist auch die Dynamik innerhalb der Mannschaften anders?

Auf jeden Fall. In Profimannschaften kommen die Spieler aus allen Himmelsrichtungen, kennen sich nicht und stehen in einem unerbittlichen Konkurrenzkampf zueinander. Der Trainer ist der Chef und entscheidet, wer spielt. In Amateurteams kennen sich die Spieler seit vielen Jahren, gingen schon zusammen zur Schule und wohnen im gleichen Quartier. Sie sind eine verschworene Gemeinschaft, zu welcher ein Trainer erst einmal Zugang finden muss.

Heisst das, dass Sie sich bei den Hobbyfussballern aus Witikon zuerst Anerkennung und Akzeptanz verschaffen mussten?

Ein Stück weit schon. Man kann nicht als Profi daherkommen und verlangen, dass Amateure gleich alles verstehen und umsetzen, was man sich vorstellt. Wichtig war, dass ich mit den Spielern von Witikon eine Vertrauensbasis schaffen konnte, die auch auf menschlichen Eigenschaften beruht. Dazu brauchte es eine Annäherung von beiden Seiten. Erfreulich für mich war, dass sowohl Vorstand als auch Mannschaft von Beginn weg sehr offen gegenüber meiner Person waren. Die Spieler waren neugierig und willig, meine Ideen anzunehmen und sie umzusetzen.

Mussten Sie bei der Trainingsarbeit auf dem Platz bei «Adam und Eva» beginnen?

Das nicht gerade, die Mannschaft hat spielerisch viel Potenzial. Dennoch war vor allem im taktischen Bereich eine Art Nachausbildung notwendig. In Profiligen ist das insofern anders, als dort alle Spieler nach der Juniorenzeit ausgebildete und fertige Fussballer sind. Das Schöne im Amateurbereich ist dafür, dass man in kurzer Zeit rasche Fortschritte erzielen kann. Ich geniesse in Witikon die Flexibilität, auf dem Platz zu experimentieren, und kann reagieren, wenn etwas nicht wie gewünscht läuft. Mit Witikon sind Sie im ersten Jahr gleich in die 2. Liga aufgestiegen.

Was ist in dieser Saison möglich?

Ich strebe verschiedene Teilziele an. Einerseits wollen wir uns spielerisch und taktisch weiter verbessern, anderseits sollen auch die Resultate stimmen. Ich bin zuversichtlich, auch weil mir die Spieler in persönlichen Gesprächen vermittelt haben, dass sie weiterhin voll mitziehen wollen.

Zuletzt haben Sie hauptamtlich das U-15-Team von GC trainiert, im Sommer aber damit aufgehört. Haben Sie so mehr Ressourcen für Witikon?

Im Moment habe ich mehr Zeit zur Verfügung und trainiere deshalb neu auch die A-Junioren von Witikon. Ich habe dem Klub mein Konzept vorgestellt, das die erste Mannschaft und die ältesten Junioren enger zusammenführen soll. Das heisst, es werden auf dem Platz die gleichen oder ähnliche Übungen absolviert und junge Spieler werden öfter mit der ersten Mannschaft trainieren. Als Ausbildnerverein setzt Witikon seit Jahren auf den eigenen Nachwuchs.

Trotzdem sind Sie auch wieder auf der Suche nach einer Tätigkeit im Profibereich. Gibt es Kontakte?

Ich ernähre meine Familie mit dem Fussball, und deshalb ist auch klar, dass ich nach Beendigung meiner Arbeit bei GC eine neue vollamtliche Tätigkeit suche. Die Fühler sind ausgestreckt. In Teilzeit werde ich ab sofort als Assistent von Cheftrainer Martin Trümpler das Schweizer U-20-Nationalteam betreuen, was etwa einem 10-Prozent-Pensum gleichkommt. Ansonsten haben sich einige weitere Kontakte ergeben, aber noch nichts Konkretes.

Hat man bei Witikon Angst, Sie bald zu verlieren?

Ich spiele mit offenen Karten, und der Vorstand ist informiert, dass ich auf der Suche bin. Das ist dort aber kein Problem, weil meine Tätigkeit beim Quartierverein dadurch überhaupt nicht tangiert werden muss. Ich fühle mich bei Witikon mit seinen modernen Strukturen, sehr wohl. Jeder andere Trainer in der 2. Liga geht ja auch einem Job nach. Mein Beruf ist eben das Fussballgeschäft.